Nordrhein-Westfalen des BUND NW

posticon Lebensräume der Orchideen in NRW

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Orchideenlebensräume gehen in Nordrhein-Westfalen wie im gesamten mitteleuropäischen Raum zumeist auf den direkten oder indirekten menschlichen Einfluß zurück. So wurde das Erscheinungsbild des Waldes, der unser Land einst bis auf Sonderstandorte wie Fließgewässer, Hochmoore und Felsformationen bedeckte, im Mittelalter und in der Neuzeit grundlegend durch die menschliche Nutzung verändert. Auflichtung und Rodung, Nutzung durch Weidevieh, Niederwaldnutzung, Laubstreuentnahme zur Düngung oder Stalleinstreu kennzeichnen die mittelalterliche Waldnutzung, die in weiten Teilen Mitteleuropas zu einer regelrechten Waldverwüstung führte und gegen Ende des 18. und im beginnenden 19. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreichte.

Durch diese Eingriffe bildeten sich offene Landschaftstypen aus, die seitdem durch Mahd oder Beweidung von Baumwuchs weitgehend freigehalten werden. Als Beispiele für derartige anthropogen bedingte Lebensräume seien die ausgedehnten Kalktriften in der Eifel und im Weserbergland, die Feuchtwiesen in den Bachauen der Mittelgebirge oder die Heiden beispielsweise am Niederrhein und im Sauerland genannt.

Seit Beginn des 19. Jahrhunderts wurden mit Aufkommen der modernen, planmäßigen Forstwirtschaft weite, zuvor offene oder halboffene Landschaften aufgeforstet. Dabei wurde meist auf schnellwachsende Nadelhölzer zurückgegriffen, die ursprünglich in unserem Gebiet nicht beheimatet waren. So kam in den Mittelgebirgen häufig die Fichte (Picea abies), auf den nährstoffarmen Sandböden des Tieflandes meist die Waldkiefer (Pinus sylvestris) zum Einsatz. Praktisch alle Waldgebiete in Nordrhein-Westfalen sind somit mehr oder weniger durch menschliche Einflüsse überformt, Urwälder gibt es bei uns seit langem nicht mehr. Relativ naturnah erhaltene Laubwälder beherbergen jedoch bis heute eine Reihe charakteristischer Wald-Orchideenarten.

Zum Ende des 19. Jahrhunderts, besonders aber in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam es in Folge der land- und forstwirtschaftlichen Nutzbarmachung sowie tiefgreifender Änderungen landwirtschaftlicher Nutzungsformen (u.a. Entwässerung, Einsatz von Kunstdünger, Aufgabe der Extensivnutzung auf sog. Grenzstandorten) zu einem dramatischen Verlust an Lebensraum-Vielfalt und infolgedessen zu einem Verschwinden oder starkem Rückgang vieler Pflanzen- und Tierarten. Betroffen hierdurch ist auch eine große Zahl von Orchideenarten, die nährstoffarme, trockene oder feuchte Standorte besiedeln. Einstmals in der bäuerlichen Kulturlandschaft weit verbreitete Arten wie Breitblättiges Knabenkraut (Dactylorhiza majalis), Fleischfarbenes Knabenkraut (Dactylorhiza incarnata) oder Sumpf-Stendelwurz (Epipactis palustris) werden daher heute nur noch in kleinen, meist weit zerstreuten Lebensräumen angetroffen. In Nordrhein-Westfalen schon immer seltene Arten sind bei uns seit langem ausgestorben [Strohgelbes Knabenkraut (Dactylorhiza incarnata ssp. ochroleuca), Wanzen-Knabenkraut (Orchis coriophora)] oder drohen zu verschwinden [z.B. Torf-Glanzkraut (Liparis loeselii), Sumpf-Weichwurz (Hammarbya paludosa)].

Glücklicherweise entstehen auch in unserer Zeit durch menschliches Zutun immer wieder neue Lebensräume, die spontan von Orchideen besiedelt werden und die für die Erhaltung einiger Arten eine herausragende Rolle spielen. Insbesondere ehemalige Abgrabungen, die der natürlichen Entwicklung überlassen werden, aber auch nicht begrünte Böschungen, Halden und sogar Deponieflächen stellen für einige Arten wertvolle "Über-Lebensräume" dar. Die Bedeutung solcher Sekundärbiotope für das Überleben einzelner Arten und Lebensgemeinschaften darf keinesfalls unterschätzt werden.
 

Aufgelassener Kalk-Steinbruch im Raum Lengerich. Foto: S. Sczepanski


 
- Lebensraum Wald

Von der Landesfläche Nordrhein-Westfalens sind heute 26 Prozent bewaldet. Davon ist etwas weniger als die Hälfte Laubwald (45 %), der Rest ist Nadelwald (55 %). Da es in unserem Land keine vom Menschen unbeeinflußten Waldgebiete mehr gibt, sind auch die aus bodenständigen Gehölzen aufgebauten Laubwälder bestenfalls als mehr oder weniger naturnah zu bezeichnen. Die Zahl der unterschiedlichen Laubwaldgesellschaften beträgt etwa 30, hinzu kommen noch einmal so viele Gebüschformationen. Damit wird klar, daß im Folgenden nur die bedeutendsten Wald- und Gebüschlebensräume von Orchideen in Nordrhein-Westfalen vorgestellt werden können.

- Kalk-Buchenwälder

- Nährstoffreiche Laubmischwälder

- Nadelforste

- Gebüsche, Lichtungen und Waldränder

 


- Lebensraum Wiese

Zu den artenreichsten unserer heimischen Lebensräume gehören – sowohl aus botanischer wie auch aus zoologischer Sicht – die mageren, seit jeher nur extensiv genutzten Grünlandgesellschaften. Diese meist trockenen, auf jeden Fall aber von Natur aus nährstoffarmen Biotope haben sich infolge der mittelalterlichen Weidewirtschaft, zumeist aus Schafhutungen, entwickelt. Die natürliche Sukzession hin zu den standorttypischen Waldgesellschaften kann nur durch regelmäßige Beweidung (bevorzugt durch Schafe, beigemischt Ziegen) oder Mahd verhindert werden. Trockene Magerrasenflächen sind vor allem in den letzten Jahrzehnten durch Aufforstungen, Sukzession, intensive Grünlandnutzung oder Umwandlung in Ackerflächen stark zurückgegangen, so daß der Schutz der verbliebenen Flächen höchste Priorität besitzt.

- Kalkmagerrasen

- Magerrasen basenarmer Standorte

 


- Feuchte Lebensräume

In unserer von Natur aus fast vollständig von Laubwald bedeckten Landschaft stellten Moore (neben offenen Gewässern und Felsstandorten) die einzigen waldfreien Lebensräume dar. Die für Nordeuropa typischen Hochmoore strahlen in der westfälischen Bucht bis in unser Gebiet aus, wurden aber bis auf kleine, meist degradierte Reste vernichtet. Hochmoore sind rein durch Regenwasser gespeist, durch Wachstum typischer Torfmoosarten (Sphagnum spec.) charakterisiert und erreichen Torfmächtigkeiten von über 10 Metern. Flach- oder Niedermoore werden dagegen von mehr oder weniger mineralstoffreichem Grundwasser gespeist. Eine Zwischenstellung nehmen die Übergangs- und Heidemoore ein, die als torfmoosreiche Biotope zusätzlich noch mit nährstoffhaltigem Grund- und Oberflächenwasser gespeist werden.
Während die Hochmoore dem Torfabbau, der Entwässerung und anschließender intensiver land- und forstwirtschaftlicher Nutzung zum Opfer fielen, werden große Niedermoorbereiche in den Flußniederungen, ebenfalls meist nach Entwässerung, z.T. bereits seit Jahrhunderten als feuchtes und nasses Grünland genutzt. Die extensive Weideoder Wiesennutzung ermöglichte die Ausbildung einer ganzen Reihe von Feuchtgrünland- Gesellschaften, die den Lebensraum für eine Reihe von Orchideenarten darstellen.

- Feuchtwiesen

- Kalkflachmoore

- Übergangsmoore

 


- Sekundärbiotope
Neben den natürlichen bzw. mehr oder weniger naturnahen Orchideenlebensräumen seien die in der Regel als "Sekundärbiotope" bezeichneten Lebensräume im Folgenden kurz vorgestellt.

- Sekundär-Lebensräume